Bei reisetopia berichten wir tagtäglich über die wichtigsten Geschehnisse aus der Reisebranche, stellen die exklusivsten Luxushotels vor und berichten viel über eigene Erlebnisse – meist mit einem Hotel-, Airline- oder Lounge-Bezug. Weniger in den Fokus rücken dabei die Destinationen selbst – und das, obwohl es so viel zu erzählen gibt, was nicht in Reiseführern steht!

In dieser Kolumne betrachtet daher jeweils ein reisetopia Autor eine neue Destination aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Ganz ungefiltert – ganz real. Sei es, die Enttäuschung über den Strand voller Plastikmüll, die Warteschlangen vor den beliebtesten Fotospots oder die überraschenden Begegnungen an Orten, von denen man nicht viel erwartet hat. Heute spricht Vicky ganz ungefiltert über ihre Erfahrungen in Albanien.

Aus Vorurteilen wächst Unsicherheit

Mit 23 Jahren bin ich zum ersten Mal alleine gereist. Inzwischen ist das nun schon ein paar Jahre her. Ich lebte zu dem Zeitpunkt bereits einige Monate in Marseille, als ich mich entschloss, meine Tasche, ein Paar Schuhe und einen Reiseführer einzupacken und mich auf den Weg nach Italien zu machen. Ich hatte keinen Plan und wenig Geld. Also kaum etwas dabei – ausser einer unstillbaren Abenteuerlust.

So verbrachte ich einen Monat in Italien, wo jeder Tag schöner war als der andere. Ich ass Pizza, Arancini und genoss einen Aperol Spritz nach dem anderen. Aber nachdem ich ein paar Wochen in einem meiner Lieblingsländer verbracht hatte, sehnte ich mich nach mehr. Ich wollte einen kompletten Tapetenwechsel, um tief einzutauchen in eine neue Kultur. Von Italien aus sind die Ziele, die man ohne Flugzeug erreichen kann, eher begrenzt. Ich hatte die Wahl, zurück nach Frankreich zu fahren oder noch ein paar Tage in Italien zu verbringen, um dann in den Nordosten nach Slowenien zu fahren. Keine dieser Optionen schien für mich ideal zu sein. Nach langem Überlegen und Studieren der Karte bot sich mir schliesslich eine ganz andere Option: Albanien. Zu dieser Zeit war ich nicht weit von Bari entfernt, einer kleinen apulischen Hafenstadt, von der aus man mit der Fähre nach Montenegro oder Albanien gelangen kann. Von Montenegro hatte ich schon gehört und ich wusste, dass ich dieses Land auch noch besuchen wollte, aber von Albanien hatte ich noch nie wirklich etwas gehört. Zumindest nicht von anderen Reisenden. Ich kannte niemanden, der schon einmal nach Albanien gereist war. Ich wollte also die Erste sein. Es war der perfekte Plan, um das Abenteuer zu leben, von dem ich träumte.

Albanien

Da ich ein sehr spontaner Mensch bin, kaufte ich meine Fährtickets schon für den nächsten Tag. Eine spontane Entscheidung, die sich als eine der besten Entscheidungen meines Lebens herausstellen sollte – was ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht wusste.

Ein paar Stunden später, während ich mit ein paar neu in Italien kennengelernten Freunden am Strand war und stolz meine Reiseroute für die nächsten Wochen präsentierte, bekam ich die ersten abfälligen Bemerkungen: “Albanien ist für eine alleinreisende Frau vielleicht nicht das ideale Reiseziel, oder?” Hast du die Geschichte über die beiden tschechischen Reisenden gehört, die dort 2015 getötet wurden? “Ich habe gehört, dass die Albaner alle sehr frauenfeindlich sind.” Die vehementen Kommentare kamen von allen Seiten – jeder hatte seine Meinung zu diesem Thema. Doch keine dieser Personen war jemals in Albanien gewesen. Sie haben nur über Vorurteile berichtet, die sie in den Medien aufgeschnappt haben.

Aber trotzdem machte mich jedes ihrer Worte skeptischer. “Was, wenn ich einen Fehler gemacht habe, was, wenn ich mich in Gefahr bringe?” Als Kanadierin war Albanien nur ein Punkt auf der Landkarte. Ich hatte keine Vorurteile über das Land, weil ich nichts darüber wusste. Ich hatte natürlich einige Nachforschungen angestellt, in Foren um Rat gefragt und die Geschichten von Frauen gelesen, die allein dorthin gereist waren, aber ich hatte keine direkte Quelle. Der Nachrichtenlage und der politischen Situation war ich mir nicht bewusst.

Aufgewühlt beschloss ich, ins Bett zu gehen – am nächsten Tag würde sicherlich schon alles besser sein. Und so beschloss ich am Morgen trotz meiner wachsenden Unsicherheit, alles zu vergessen, was mir am Abend zuvor berichtet worden war. Schliesslich war noch nie jemand von den Leuten dort gewesen. Was könnten sie wirklich über dieses Land wissen, ausser dem, was in den internationalen Medien berichtet wird?

Aussergewöhnliche Treffen

Um 18 Uhr desselben Tages fuhr ich also zum Hafen von Bari, um die Fähre nach Durrës zu nehmen. Alles war riesig. Riesig, aber völlig leer. Es gab nur ein paar Familien und ein paar Fischer – und alle waren Albaner. Niemand sprach Italienisch, niemand sprach Englisch. Sofort stieg die Angst in mir auf. Hatte ich doch einen Fehler gemacht? Mit meinem viel zu grossen Rucksack und meinem unsicheren Blick hatte ich das Gefühl, dass mich alle anstarren. Ich fühlte mich plötzlich sehr eingeengt auf diesem gigantischen Boot.

Albanien Durrës
Durrës

Diese wachsende Unruhe ignorierend, machte ich mich auf die Suche nach einem ruhigen Ort auf der Fähre, an dem ich versuchte, etwas Schlaf zu bekommen. Während ich leise dort lag, kam ein Schatten auf mich zu. “Darf ich mich zu Dir setzen?”, hörte ich plötzlich eine zögernde Stimme. Ich schaute auf und sah eine junge Reisende, etwa in meinem Alter, mit einem Gesicht, das wahrscheinlich genauso verunsichert war wie meines. “Natürlich.”

Wir haben uns sofort gut verstanden. Sie hatte mehr oder weniger die gleiche Geschichte wie ich: Sie war ein paar Wochen allein in Italien unterwegs und versuchte nun, Tschechien zu erreichen. Erleichtert beschlossen wir, ans Deck des Schiffs zu gehen, um das Meer zu sehen. Kaum waren wir dort, kam ein Fischer namens Endri – der weder Englisch, Französisch noch Italienisch sprach – auf uns zu und versuchte zu verstehen, was wir hier tun. Durch gestammelte Laute, verstecktes Lächeln und Lachanfälle gelang es ihm, herauszufinden, was uns nach Albanien brachte. “Für das Abenteuer!”, riefen wir. “Per ta zbuluar!”, wiederholte der Fischer.

Albanien

Wir gingen wieder ins Innere des Schiffes, wo wir etwas Schlaf bekommen konnten. Die See war ruhig und das Boot tatsächlich ziemlich komfortabel. Am frühen Morgen, als wir kurz vor dem Anlegen waren, sahen wir Endri wieder. So frisch und fröhlich wie er aussah, konnte sich niemand vorstellen, dass er gerade die Nacht auf einem Boot verbracht hatte. Er lächelte und war bereit für den neuen Tag, der nun beginnen sollte. Sobald er uns erblickte, lud er uns zu einem Frühstück auf einer Terrasse in der Nähe des Hafens. Wir sagten sofort zu und waren überrascht von seiner Freundlichkeit, die wir so nicht erwartet hatten.

Freundlichkeit und Gastfreundschaft, die unerwartet kam

Als das Boot im Hafen von Durrës ankam, wurde ich von einer neuen Welle der Angst ergriffen. Der Grenzübergang war überwältigend. Er war beeindruckend wegen seiner Grösse, aber auch wegen all der Fahnen, die im Wind wehten. Gerade als ich dachte, es würde noch Stunden dauern, war ich eigentlich nur noch Minuten entfernt. Das Überqueren der Grenzen war ein Kinderspiel. Endlich war ich in Albanien.

Albanien

Nachdem wir die Grenzen überquert hatten, schlossen wir uns Endri an. Er führte uns zu einer kleinen Terrasse in der Nähe des Hafens von Durrës, wo seine Frau bereits wartete. Wir tranken einen köstlichen Kaffee und hörten das Zwitschern der Vögel, die an diesem Morgen besonders lautstark waren. Die Brise war frisch, das Rauschen des Meeres allgegenwärtig. Es war ein herrlicher Morgen. Es war ein Morgen, der mich wunderbar auf die kommenden Tage einstimmte.

Obwohl ich eigentlich nur ein paar Tage in Albanien verbringen wollte – ich hatte mich nämlich auch schon auf Montenegro gefreut, entschied ich mich schliesslich, mehr als eine Woche dort zu bleiben. Und ich wäre sogar noch länger geblieben, wenn ich nicht ein wenig unter Zeitdruck gestanden hätte.

Zehn Tage lang wanderte ich somit durch Albanien und besuchte Durrës, Berat, Shkodër, den Koman-See und den Valbona-Nationalpark. Jeder Ort war erstaunlicher als der vorherige, jede Person, die ich traf, freundlicher als die letzte. Alle Befürchtungen, die ich bezüglich meiner eigenen Sicherheit hatte, lösten sich in Luft auf, als ich die kurvenreichen Strassen dieses Landes befuhr, das bald zu einem meiner Lieblingsländer werden sollte.

Sicherlich funktioniert in Albanien die Abfallwirtschaft nicht so wie wir es von zu Hause gewöhnt sind. Auf den ersten Blick mögen auch einige der Städte schmutziger, ja sogar etwas unangenehm wirken, weil dort Chaos herrscht, aber man muss weiter schauen als das, was man auf den Strassen sieht. Unberührt sind die Strände von einzigartiger Schönheit. Das Meer ist von einem schillernden Blau. Die albanische Küste braucht die kroatische, griechische oder italienische Küste absolut nicht zu beneiden. Die Strände sind leer und überlassen den wenigen Reisenden und Einheimischen ihren ganzen Platz.

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Durrës

Apropos die Einheimischen – sie sind von einer grenzenlosen Gastfreundschaft. Alle Albaner, die ich traf, luden mich zum Tee oder zum Essen zu sich nach Hause ein, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprachen. Je mehr ich reise, desto mehr merke ich, dass es nicht notwendig ist, die gleiche Sprache zu sprechen, um sich zu verstehen. Es ist sogar einfacher, nur mit Gebärdensprache zu kommunizieren, weil man gezwungen ist, auf den Punkt zu kommen.

Was ich aus Albanien mitgenommen habe

Albanien ist ein echter Rohdiamant. Jungfräulich, wild, manchmal menschenleer – und bereit entdeckt zu werden. Seit ich das erste Mal einen Fuss dorthin gesetzt habe, bedeutet mir Albanien sehr viel. Obwohl Albanien in Reiseführern selten als Reiseziel für Alleinreisende erwähnt wird, kann ich es nicht genug empfehlen. Alles an diesem kleinen Balkanland ist bemerkenswert, sei es die grenzenlose Gastfreundschaft der Albaner, die atemberaubenden Landschaften oder die noch menschenleeren weissen Sandstrände.

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