Bei reisetopia berichten wir tagtäglich über die wichtigsten Geschehnisse aus der Reisebranche, stellen die exklusivsten Luxushotels vor und berichten viel über eigene Erlebnisse – meist mit einem Hotel-, Airline- oder Lounge-Bezug. Weniger in den Fokus rücken dabei die Destinationen selbst – und das, obwohl es so viel zu erzählen gibt, was nicht in Reiseführern steht!

In dieser Kolumne betrachtet daher jeweils ein reisetopia Autor eine neue Destination aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Ganz ungefiltert – ganz real. Sei es, die Enttäuschung über den Strand voller Plastikmüll, die Warteschlangen vor den beliebtesten Fotospots oder die überraschenden Begegnungen an Orten, von denen man nicht viel erwartet hat. Heute spricht Alex ganz ungefiltert über seine Erfahrungen in den USA.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Kaum ein anderes Land zieht die Menschen noch heute so magisch an wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Freiheit – aber auch das Land von Trump. Zumindest war es das. Vor allem in den letzten Jahren hat das Image des Landes gelitten. Eine tiefe Kluft hat sich aber nicht nur zwischen Europa und den USA ergeben. Viel tiefer sind die Wunden im Land selbst. Dabei möchte ich in meinem Beitrag der Chronologie nach anfangen und von meinen vielen Erlebnissen in einem Land berichten, welches ich bereits mindestens 40 Mal besucht habe.

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Die Faszination für das Land ist dabei nie abgerissen. Noch heute gibt es viele Orte, die ich sehen möchte oder zu denen ich wieder zurückkehren möchte, da ich sie lange Zeit als meine zweite Heimat angesehen habe. Meine Sicht auf das Land hat sich dabei über die vergangenen Jahre gewandelt. Ich möchte Euch auf diese Reise mitnehmen und ein Bild von einem Land zeichnen, welches so nicht mehr existiert – vielleicht aber auch nie existiert hat.

Auf Einladung von Mickey Mouse

Alles fing im Jahr 2000 an. Ich war gerade sechs Jahre alt und kurz davor eingeschult zu werden. Also planten meine Eltern die erste Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika. Welcher Ort könnte für ein Kind passender sein als Walt Disney World in Orlando, Florida. Die Aufregung, vor allem bei meinen Eltern, muss gross gewesen sein, kannten wir bisher nur den Nachbarn im Norden – Kanada. Die erste Reise in die USA ist bald schon 21 Jahre her, dennoch kann ich mich an viele Erlebnisse erinnern, als wären sie erst gestern gewesen. Am besten bleibt mir dabei die Erinnerung im Sinn, als wir das erste Mal im Park Magic Kingdom vor Cinderella’s Castle standen, ich an den Händen meiner Eltern, sie mit Tränen in den Augen.

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Das muss wohl der amerikanische Traum gewesen sein, der sich in den Gesichtern meiner Eltern widerspiegelte. Tatsächlich hätten sie es sich zehn Jahre zuvor, also kurz nach dem Mauerfall, wohl kaum erträumen lassen, dass sie eines Tages in die USA reisen können. Das muss wohl auch der Startschuss für unsere Faszination für dieses Land gewesen sein. In den folgenden Jahren reisten wir immer wieder nach Orlando. Wir machten erste Bekanntschaften, besuchten die weiteren Parks wie Universal Studios oder Sea World, trauten uns aber nie wirklich aus diesen Erlebnis- und Wohlfühlorten heraus.

Florida als zweite Heimat

Erst einige Jahre später wagten meine Eltern etwas ganz verrücktes mit mir und flogen in eine andere Stadt in Florida. Fort Myers an der Golfküste sollte es sein. Ein noch heute sehr beliebter Ort bei Deutschen, vor allem bei Auswanderern. Das muss wohl durch die Verbindung zwischen Düsseldorf und Fort Myers entstanden sein, die zunächst von LTU und Condor bedient wurde. Einige Jahre später übernahm Air Berlin und dann Eurowings diese Verbindung. Die Vorsicht war weiterhin gross und wir bewegten uns nur in einem kleinen Radius – damals sogar noch ohne Mietwagen.

Weitere Jahre vergingen, ehe wir mit dem Auto auch andere Städte Floridas erkundeten. Miami ist eine Stadt, die viele Reisende anzieht. Ich frage mich jedoch bis heute, was der Grund dafür ist. Die Stadt ist mit den vielen Apartment-Hochhäusern architektonisch nicht sehr speziell. Dazu ist sie sehr dreckig und der ideale Spielplatz für Leute, die gerne auf viel Show stehen. Erst vor zwei Jahren machte ich mit Freunden eine Tour durch Florida. Ein Wochenende in Miami durfte für sie nicht fehlen. Wir hatten ein Hotel in einer Parallelstrasse zum Ocean Drive – beste Lage also. Mich nervt tatsächlich dieses Schauspiel, welches sich jeden Abend in Miami Beach abspielt. Für die meisten anderen Menschen macht aber genau das Miami aus. Und irgendwie ja auch die USA, oder?

“Und die Menschen erst…”

Ein Satz, den man von vielen Reiseberichten seiner Mitmenschen hört. Jedes Land und dessen Kultur wird von der Bevölkerung geprägt. Amerikaner gelten meist als oberflächlich, dennoch sehr freundlich. Das kann ich bestätigen, ihnen aber nicht übel nehmen.

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Denn meistens konnten wir uns dabei auf Freunde vor Ort verlassen, die wir über die Jahre kennengelernt haben. In der Zwischenzeit haben wir viele Bekanntschaften im gesamten Bundesstaat aufgebaut. Meine Eltern reisen noch heute jeden Sommer nach Florida und leben für mehrere Wochen in einem Haus in einer Kleinstadt an der Golfküste. Nachbarn grüssen dich direkt, obwohl du sie nie gesehen hast oder bieten dir jederzeit Hilfe an, solltest du sie benötigen. Im Ernstfall erreicht man sie jedoch selten.

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Aber ist das bei uns anders? Ich mag die überschwängliche Freundlichkeit der Amerikaner und weiss, dass ich mich nicht immer auf sie verlassen kann. Beachtet man das, wird man nicht enttäuscht.

East Coast?

Ich wurde älter und wollte mehr von den Vereinigten Staaten von Amerika sehen. Immer häufiger reisten wir im Jahr “rüber” und lernten dabei immer wieder neue Orte kennen. Vor allem die Ostküste hat es uns dabei angetan. New York muss die erste Stadt ausserhalb Floridas gewesen sein. Alles war gross, laut und leuchtend. Selbst für einen Berliner. Noch heute hinterlässt diese Stadt einen bleibenden Eindruck bei mir. Kaum eine andere Stadt steht dabei für mich persönlich für den Begriff “Stadt” wie New York City. Wer die Welt erkunden möchte, sollte nach New York reisen.

Über die Jahre war ich oft in der Metropole zwischen Hudson und East River. An kaum einer anderen Stadt lässt sich der Wandel so gut feststellen, wie in New York. Wir waren 2004 das erste Mal dort und ich kann mich noch heute an die Gänsehaut erinnern, die ich hatte, als wir Ground Zero besuchten. Zu dieser Zeit war dieser Ort komplett eingezäunt. Aufräumarbeiten dauerten an. Dieses Gefühl an diesem Ort werde ich bis heute nicht vergessen. Ein Ort voller Stille, die bis heute andauert. Das erste Mal am neuen Komplex rund um das One World Trade Center war ich im Herbst 2018, mit einer Freundin aus Kanada. Nur ein Jahr später traf ich mich mit meinen Eltern erneut in New York City. Für sie war es das erste Mal New York seit neun Jahren und wir teilten unsere Gefühle in stiller Anteilnahme.

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Was die Amerikaner dafür bis heute wie kaum jemand anderes beherrschen: Inszenierung. Als wir uns 2019 am neuen One World Trade Center trafen, haben wir ein Ticket für 35 Dollar pro Person gekauft und sind auf die Aussichtsplattform des höchsten Gebäudes der USA gefahren. Während ich in Berlin den Fernsehturm in typischer nonchalanter Art mit der Aufsichtsperson lediglich im Fahrstuhl nach oben fahre, verbauen die Amerikaner ein Set wie aus Hollywood.

Oder West Coast?

Irgendwann konnten wir nicht mehr genug von den USA bekommen und wollten immer wieder neue Orte erkunden. Während wir an der Ostküste bereits Städte wie Boston, New York, Philadelphia, Washington, D.C., Charlotte und Atlanta gesehen haben, wechselten wir auf die andere Seite des Landes. Genau das ist es auch, was mich bis heute an diesem Land fasziniert. Die Vielfalt zwischen Stadt und Land, Meer und Berge und alles was dazwischen ist. San Diego sollte die erste Stadt an der Pazifikküste sein. Die Stadt befindet sich nur wenige Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt. Die Einflüsse sind hier zu spüren. Genauso wie kubanische Einflüsse in Miami. Die gefühlt erste Amtssprache lautet Spanisch, aber genau das macht die USA für mich aus.

Es ist ein Land, welches von Einwanderern gegründet und erbaut wurde. Die verschiedenen Einflüsse sind heute überall sichtbar. Selbst eine Mauer konnte dagegen nichts tun. San Diego ist für mich definitiv ein Besuch wert. Nicht so die grosse Metropole etwas weiter nördlich – Los Angeles. Ich war insgesamt zweimal in L.A. und konnte dieser Stadt beide Male nichts abgewinnen. Wer jedoch volle zehnspurige Autobahnen und ständiges Gehupe mag, ist hier goldrichtig.

Anders sieht das bei den Städten noch weiter nördlich aus. Die Grösse des Landes lässt sich alleine an der Pazifikküste gut ausmachen. Wir flogen vor vielen Jahren nach Seattle und machten einen kleinen Roadtrip über Portland und Kleinstädte in Kaliforniern am Pazifik bis nach San Francisco. Definitiv eine Route, die ich jedem ans Herz legen würde. Alle Städte symbolisieren das Land auf ihre eigene Weise sehr gut. Für Aviation Geeks ist vor allem Seattle mit dem Flugzeugbauer Boeing eine Reise wert. Vor allem Portland und San Francisco stehen aber auch für das moderne Amerika. In San Francisco lassen sich davon die negativen Auswirkungen ganz gut feststellen. Die Stadt ist mittlerweile mit gut ausgebildeten Arbeitskräften überfüllt. Wohnraum ist kaum vorhanden oder wenn überhaupt nur schwer bezahlbar. Für Reisende hält die Stadt aber viel bereit, auch die umliegenden Städte und Regionen.

Everything In Between

Wer dem Trubel entfliehen möchte, ist in den Bundesstaaten zwischen Ost- und Westküste gut aufgehoben. Aber auch andere Metropolen wie Las Vegas, das Spielerparadies, oder Chicago am Lake Michigan lassen sich hier entdecken. Chicago war übrigens ursprünglich als Filmhauptstadt der USA vorgesehen ist aber im letzten Moment doch nach Los Angeles wegen des besseren Wetters gezogen. Auch Wolkenkratzer wurden hier schon früh gebaut, ehe viele Projekte dann doch in New York City umgesetzt wurden.

Chicago ist auch ein idealer Ausgangspunkt, um die kleineren Städte wie Cleveland oder Pittsburgh zu besuchen. Das Land hat viel zu bieten und genau das macht es für mich aus. Deshalb war es für mich auch so schwer einen fixen Punkt in diesem Land zu wählen.

Refills for Free

Das Land der Drive-ins und Strassenkreuzer, der Cowboys und der Tech-Spezialisten hat bis heute seinen Reiz nicht verloren. Viele Jahre träumte ich davon in die USA auszuwandern. Heute steht für mich ganz klar fest, dass ich niemals für immer in diesem Land wohnen möchte. Manchmal lernt man zu schätzen, was man hier hat und sieht, wie viel in den USA sehr schnell wieder zerstört werden kann. Miami ist für mich ein Paradebeispiel in jeglicher Hinsicht. Die Fassaden der Hauptstrasse sehen nach viel Glanz und Gloria aus, die Parallelstrasse dazu ist dreckig und grau.

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Selbst Donald Trump, der selbsternannte Heilsbringer, konnte daran nichts ändern. Die Wunden des Landes sind mittlerweile tief in der Bevölkerung verwurzelt. Doch ich würde die Hoffnung nie aufgeben, dass diese noch geheilt werden können. Ich habe in den letzten Jahren mit vielen Freunden und Bekannten immer wieder über die Situation im Land gesprochen. Einige von ihnen sind überzeugte Republikaner und haben deshalb für Donald Trump gestimmt, andere sind tatsächlich von ihm als Präsident überzeugt gewesen. Wieder andere sind Demokraten, haben aber nicht viel Hoffnung in Joe Biden gesteckt. Wenn ich die letzten Wochen seit Amtseinführung des neuen Präsidenten beobachte, gefällt mir seine Richtung. Er kann bisher überzeugen und geht in den Dialog mit Republikanern, macht ihnen Zugeständnisse. Kann er das erfolgreich über die nächsten vier Jahre fortführen, kann das Land wieder das werden, was es mal war.

Aber was macht die USA eigentlich aus? Das Land der Tellerwäscher, die Millionäre wurden ist ein erfolgreicher Slogan, der sich bis heute gehalten hat. Fakt ist, dass viele Amerikaner die Ärmel hochkrempeln und hart arbeiten. Am Ende des Monats finden sie jedoch keine Million auf dem Konto. Aber sind das nicht Probleme, mit denen jedes Land zu kämpfen hat?

Was ich aus den USA mitgenommen habe

Ich habe vor allem viele Klamotten und Geräte mitgenommen, die ich über die Jahre in den USA gekauft habe. Spass beiseite: Auch wenn die USA natürlich nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, so habe ich mitgenommen, dass jeder Traum gestattet ist und verfolgt werden kann. Man wird nicht dafür verurteilt, wer man ist oder was man macht. Jedes Individuum trägt zum Gesamtwerk bei. Im Falle der USA ist dieses Gesamtwerk sehr bunt, voller Glitzer und unübersichtlich – aber ein Kunstwerk, von dem ich nie genug bekommen kann. Wegen der Corona-Pandemie war ich nun schon seit über einem Jahr nicht mehr in den USA. Mit Beginn des Lockdowns wollte ich eigentlich nach Austin fliegen und von dort aus eine Rundtour durch Texas machen. Es bleibt also noch viel zu erkunden und mit jeden Tag, den man länger warten muss, steigt die Vorfreude.

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