Die Deutsche Bahn braucht dringend Geld und ausserdem ein neues Image. Die Staatshilfen der Bundesregierung machten Hoffnung auf beides – deren Ablehnung zerstört Vertrauen, das eigentlich nie da war. Schuld ist natürlich die aktuelle Krise. Die Frage ist, welche?

Handtuchverbote für Hotelliegen, Imagewandel der DB, Alkoholmissbrauch auf Langstreckenflügen: In dieser Serie mit dem Titel “Lasst uns reden” widmet sich unsere Kolumnistin Lilli einmal monatlich den wichtigen und nichtigen Aspekten des Reisens. Eine gesellschaftspolitische Kolumne in Zeiten von landesweitem Fernweh.

Die Deutsche Bahn braucht das Geld. Das Krisenjahr 2020 kostete knapp fünf Milliarden, die kommenden fünf Jahre plant man mit doppeltem Verlust. Die Auslastung im Fernverkehr stagnierte zuletzt bei etwa 20 Prozent, Regionalzüge sind meist nur zur Hälfte besetzt, das diesjährige Weihnachtsgeschäft – ein wenig lukrativer Witz. Von Systemrelevanz ist die Rede, als die leeren Züge des Staatskonzerns von einem Lockdown in den nächsten tuckern. Für etwa 200.000 Eisenbahner gibt’s weder Kurzarbeit noch Entlassungen – der Betrieb ist lange nur minimal eingeschränkt, Züge werden verkürzt, nicht gestrichen. Mitten in der Krise bleibt die Bahn ambitioniert: Die Strategie „Starke Schiene“ möchte die Fahrgastzahlen in dieser Dekade verdoppeln – ein Vorhaben, dass das Virus quasi unerreichbar macht. Doch Umdrehen ist keine Option. Die Bahn schlittert tapfer weiter durch die Krise, mit halbleeren Waggons über rostige Schienen, von Athymie keine Spur.

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Und doch waren kritische Stimmen nie lauter, wenn es um Image und Geltung des Staatskonzerns ging. Die obligatorische Verspätungspolitik zieht zwar im letzten Jahr nicht, denn ohne Passagiere kommt die Bahn meistens pünktlich. Die Angriffsflächen bleiben dennoch breit. Mitte des Jahres erscheinen Bahnmitarbeiter in nagelneuer Uniform, die dem Image wenig gibt – vom ohnehin knappen Krisenbudget dafür einiges nimmt. Die Einhaltung der Maskenpflicht wird wenig bis gar nicht kontrolliert, Bussgelder bleiben lange eine vage Illusion. Zu den Stosszeiten sorgen Zugstreichungen für überfüllte Abteile und Sitzplätze auf dem Boden – ohne Abstand, versteht sich.

Ein Sorgenkind mit vielen Problemen, doch immer wieder geht es ums Geld. Geld, das dem Staatskonzern seit Monaten in Aussicht steht. Und Geld, das eigentlich seit Jahren fehlt. Im Sommer 2020 macht das Konjunkturpaket der Regierung Hoffnung auf Liquidität – knapp fünf Milliarden Euro sollen den Bahnkonzern durch die Krise bringen. Blockiert werden die Hilfen von der EU-Kommission, bis Jahreswechsel ist klar: Geld vom Staat gibt’s nicht einfach so.

Für welche Schulden zahlt der Staat?

Denn der Monopolistin des deutschen Schienentransportverkehrs droht Ärger mit der Konkurrenz: Wettbewerbsverzerrung lautet das Stichwort, das dieser Tage die Schlagzeilen beherrscht. Konkurrenten wie Flixtrain erheben Einspruch gegen die Staatshilfe – fünf Milliarden Euro in etwa, ein Bruchteil des Gesamtbetrags. Auf knapp 13 Milliarden schätzt die Bahn den pandemiebedingten Schuldenberg schon im Mai 2020, Kritiker errechnen eine deutlich geringere Summe. Gefordert wird eine Prüfung des tatsächlichen Finanzbedarfs, der einzig auf die Pandemie entfällt. Die Bahn wolle den Staat für Altlaster heranziehen und den fleissigen Steuerzahler zur Schuldentilgung nutzen, heisst es. Monatelang wird informell verhandelt, ein Ergebnis gibt es lange nicht.

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Dann kommen zum Jahresbeginn endlich klare Worte. Die geplante Eigenkapitalerhöhung wird in der Summe halbiert und an gängige Modalitäten geknüpft. Erstens: Pandemiebedingte Finanzlücken müssen sorgfältig dokumentiert werden, schliesslich sind Staatshilfen nicht für die Schuldentilgung gedacht. Zweitens: die digitale Buchungsplattform DB Navigator müsse für konkurrierende Wettbewerber uneingeschränkt geöffnet werden. Unbequem zwar, aber alles halb so wild. Drittens: Die Mitglieder des Bahnvorstands sollen auf ihren Bonus verzichten. Nun ja, damit wird es kompliziert.

Die Bahn ist systemrelevant – Boni sind es nicht

Lange hört man gar nichts mehr, irgendwann im Januar gibt es dann eine Entscheidung: Die Bahn braucht jetzt offenbar doch kein Geld vom Staat – zumindest nicht unter diesen Voraussetzungen. Laut eines Aktenvermerks der Bundesregierung wolle die Konzernführung neben der Wettbewerbsauflagen auch die „Governance-Anforderungen (…) vermeiden“. In anderen Worten: Der Vorstand möchte nicht auf sein Taschengeld verzichten – die Krise wird zur Nebensache. Sexy geht anders.

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Plötzlich dreht sich der Wind um die einst treue Staatstochter, die trotzig auf dem Schuldenberg sitzen bleibt. Im Januar wird der Fernverkehr deutlich reduziert, auch regional wird eingeschränkt. Ein Grundtakt werde aufrechterhalten, versichert die Deutsche Bahn, und Schuld hat natürlich der aktuelle Lockdown.

Die Krise bleibt das Problem der Armen

Dabei hätte alles so einfach sein können. Die Staatshilfe wäre die ganz grosse Chance für den angeschlagenen Konzernriesen geworden, die Lösung aller Image-Probleme des vergangenen Jahres. Nicht finanziell zwar, denn die abgelehnten Gelder hätten schon in Gänze nicht gereicht. Doch es gab diese Chance auf öffentlich wirksamen Verzicht, einen solidarischen Moment, der sich als Schlagzeile auf den Titelseiten auch wirklich gut für’s Image macht.

Stattdessen bleibt das Bild eines “Sorgenkonzerns”, gänzlich im Besitz des Staates. Dass das Management deutscher Transportriesen irgendwo zwischen der global tobenden Pandemie und dem Grounding der nationalen Luftfahrtindustrie nicht gerade für selbstlosen Verzicht steht, beweist die Lufthansa schon im vergangenen Herbst mit den Bonuszahlungen an den Vorstand – trotz Staatshilfen der Regierung. Umdrehen allerdings, ist auch jetzt keine Option, denn Entscheidungen werden meist in der Chefetage getroffen. Dort wo die Macht sitzt, und die Verantwortung. Und natürlich dort, wo die Boni gezahlt werden. Die Krise bleibt das Problem der Armen.


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Autorin

Lilli ist am liebsten in den Wolken - und das nicht nur mit ihrem Kopf. Schon als Kind tourte sie mit einer Tanzgruppe durch Europa, heute ist Fernweh ihr ständiger Begleiter. Wenn sie sich nicht gerade mit ihrem Studium in Berlin beschäftigt, sitzt sie irgendwo auf der Welt hinter ihrem Laptop und berichtet für Euch über die angesagtesten Travel News rund um den Globus - direkt hier auf reisetopia.de!

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