In einer bereits vorab veröffentlichen Rede zur Hauptversammlung der Lufthansa Group hat die Airline klargemacht, dass die Folgen der aktuellen Krise noch lange andauern werden – alle Konzernairlines werden schrumpfen, die Nachfrage wird noch über Jahre belastet sein. Einen Neustart des Flugbetriebs erwartet die Airline erst im Herbst – auch für Töchter wie die Swiss.

In den letzten Jahren ist die Lufthansa gewachsen wie nie zuvor und hat sich zumindest nach Umsatz zur drittgrössten Fluggesellschaft der Welt gemausert. Der Weg immer weiter nach oben ist nun allerdings erst einmal vorbei, unverschuldet, wie Lufthansa CEO Carsten Spohr zu Protokoll gibt. Generell zeichnet die Airline ein düsteres Bild von der Zukunft. Besonders zeigt sich das an dem Manuskript der Rede von Carsten Spohr zur Situation der Airline, zu welcher einige Tage im Voraus bereits ein Manuskript veröffentlicht wurde. Gute Nachrichten finden sich darin nicht, vielmehr erwartet die Lufthansa alles andere als eine schnellere Besserung. Bedenken sollte man allerdings, dass diese negative Darstellung auch ein gewisses Taktieren im Kampf um Staatshilfen sein könnte.

Lufthansa rechnet erst wieder ab Herbst mit einem spürbaren Neustart

Besonders gravierend ist das Statement von Carsten Spohr in Hinblick auf den Neustart des Flugbetriebs der Airline. So erklärt Spohr wörtlich:

Noch weiß niemand, wann und wie wir wieder durchstarten können. Wir richten uns darauf ein, dass dieser Sommer gewissermaßen am Boden stattfindet. Frühestens ab Herbst hoffen wir auf einen spürbaren Neustart. Aber es wird eine sehr langsame Anlaufphase sein.

Konkret deutet dies darauf hin, dass die Lufthansa in ihren Planungen darauf setzt, dass es auch in den kommenden Monaten nur einen absoluten Minimalbetrieb geben wird. Aktuell fliegt die Airline ab Frankfurt und München knapp über 300 wöchentliche Verbindungen auf innerdeutschen Verbindungen sowie den wichtigsten Routen innerhalb von Europa. Gleichzeitig bleiben Austrian Airlines sowie Brussels Airlines komplett am Boden, die Swiss fliegt nur wenige Strecken ab Zürich und Genf.

Die konservative Einschätzung der Lufthansav für die Aktionäre kommt auf der einen Seite nicht überraschend, zeigt auf der anderen Seite aber auch die grosse Unsicherheit in der Branche. Die Verhandlungen der Lufthansa über Staatshilfen Milliardenhöhe zeigen, wie viel Liquidität die Airline sichern möchte, um in den kommenden Monaten auch ohne relevanten Flugbetrieb über die Runden zu kommen. Zwar ist davon auszugehen, dass der Flugbetrieb in Richtung der Sommermonate langsam wieder größer wird, aber die für die Airline so wichtigen Langstreckenverbindungen werden nach Expertenmeinungen in relevantem Umfang möglicherweise erst in einigen Monaten wieder möglich sein – entsprechend konservativ plant die Airline.

Eurowings, Brussels und Austrian Airlines werden kleiner

Schon direkt nach der Krise werden sich gravierende Folgen dessen zeigen, was das Coronavirus angerichtet hat. So heißt es in der geplanten Rede von Spohr, dass “alle Flugbetriebe der Lufthansa Group verkleinert werden”. Konkret wiederholt Spohr dabei Maßnahmen, die bereits in den letzten Wochen beschlossen und teilweise auch schon angekündigt wurden, unter anderem:

  • Eurowings nimmt zehn ältere Airbus A320 aus der Flotte
  • Lufthansa nimmt einige ältere Maschinen komplett aus dem Betrieb
  • Lufthansa legt gesamte Airbus A340-600 Flotte vorübergehend still
  • Austrian Airlines wird die eigene Flotte verkleinern
  • Brussels Airlines wird die eigene Flotte verkleinern
  • Germanwings-Flugbetrieb wird frühzeitig beendet
  • Touristische Langstrecke wird in einem Flugbetrieb zusammengeführt

Interessant ist dabei, dass die Swiss konkret nicht genannt wird. Die hochprofitable Schweizer Tochter wird allerdings vermutlich auch ihren Wachstumskurs beenden und sich früher von alten Maschinen trennen. Dennoch könnte die Swiss der Teil des Unternehmens sein, der am wenigsten Kürzungen hinnehmen muss und damit im Verhältnis gestärkt aus der Krise hervorgeht.

Erholung der Luftfahrtbranche erst 2023 – auf niedrigem Niveau

Insgesamt fällt das Szenario, das Spohr seinen Aktionären präsentieren möchte, sehr düster aus. Nicht nur erwartet der CEO der Lufthansa Group eine sehr langsame Erholung in diesem Jahr, auch danach wird es noch lange dauern, bis sich die Lufthansa wieder erholt. So heisst es in dem vorab veröffentlichten Statement:

Erst für 2023 erwarten wir, dass die globale Nachfrage ihr neues Gleichgewicht gefunden hat. Neu, weil es ein Gleichgewicht auf niedrigerem Niveau sein wird. Daran richten wir unsere Planungen und Strategien aus.

Diese Einschätzung deutet darauf hin, dass die Erholung auch in den Jahren 2021 und 2022, also vermutlich, nachdem ein Impfstoff für das Coronavirus gefunden ist, nur sehr langsam vonstattengeht. Doch damit nicht genug, denn Spohr rechnet damit, dass auch 2023 nicht wieder das Niveau von vor der Krise erreicht wird. Vielmehr soll es ein Gleichgewicht auf niedrigerem Niveau sein. Daraus leitet Spohr auch ab, dass die Lufthansa selbst in einigen Jahren nicht wieder so gross sein wird wie aktuell und sich auch grundlegend verändern wird:

Aktuell gehen wir davon aus, dass die globale Nachfrage nach Flugreisen auch langfristig nicht mehr so dynamisch wachsen wird, wie in den vergangenen Jahren. Das Reiseverhalten der Menschen wird sich ändern – privat und beruflich. In der Folge wird sich der Weltluftverkehr neu aufstellen müssen. Wir erwarten eine globale Transformation des Luftverkehrs. Dabei möchten wir mit der Lufthansa Group auch künftig wieder einen Spitzenplatz einnehmen.

Eine Rolle spielen werden dabei sicherlich auch Aspekte, die weit über das Coronavirus hinausgehen, also beispielsweise auch die Umweltbelastung oder ein grundlegend anderes Verhältnis zu Fernreisen. Auch mögliche Transformationen des Marktes für Geschäftsreisen spielen eine relevante Rolle dabei, wie sich Fluggesellschaften in den kommenden Jahren aufstellen.

Lufthansa rechnet langfristig mit 100 Flugzeugen weniger

Als Folge der mittel- und langfristigen Veränderungen der Branche sieht Carsten Spohr auch eine insgesamt deutlich kleinere Lufthansa Group. Das Spitzenniveau von 760 Flugzeugen wie vor der Krise wird die Airline wohl in den nächsten Jahren nie wieder erreichen. Stattdessen plant Spohr damit, die Flotte um etwa 100 Flugzeuge zu reduzieren. Folgen wird das entsprechend auch für das Personal haben, denn die kleinere Flotte bedeutet für Spohr auch den Abbau von insgesamt knapp 10.000 Arbeitsplätzen. Für Mitarbeiter nicht gerade vielversprechend ist demnach auch, dass Spohr selbst Kündigungen nicht mehr ausschließen möchte. In dem Manuskript heißt es:

Betriebsbedingte Kündigungen können wir nicht mehr ausschließen. Es sei denn – wir schaffen es mit innovativen Teilzeitmodellen, mit dieser einmaligen Lufthansa Solidarität, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen an Bord zu behalten.

Selbstverständlich handelt es sich hier auch um ein gewisses Taktieren, denn die Lufthansa-Führung möchte Mitarbeitern mit der düsteren Aussicht auch eine gewisse Angst machen, um Konzessionen durchzubringen – dazu passt auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Dass das funktioniert zeigt etwa der mögliche Gehaltsverzicht der Lufthansa-Piloten, sofern sich die Lufthansa gegen ein Insolvenzverfahren in Eigenregie entscheiden sollte. Zumindest insofern sollte man die düsteren Szenarien aus der Präsentation vor den Investoren der Airline also nicht komplett überbewerten. Dennoch scheint klar: Die Lufthansa wird in den nächsten Jahren nicht mehr wachsen, sondern eher den gegensätzlichen Weg gehen – mit entsprechenden Folgen für die Flotte und die Zahl der Mitarbeiter.

Fazit zu den düsteren Aussichten der Lufthansa

Was Carsten Spohr seinen Aktionären präsentieren möchte, klingt alles andere als positiv. Wenngleich solch konservative Aussichten aktuell an der Tagesordnung sind und sicherlich auch nicht überbewertet werden sollten, ist die Deutlichkeit der Statements doch besonders. So rechnet Spohr nicht nur damit, dass der Flugbetrieb noch über Monate fast komplett ruhen wird, sondern auch, dass die Erholung mindestens drei Jahre dauert und selbst dann das Vorkrisenniveau nicht erreicht wird. Im Blick haben sollte man bei dieser negativen Darstellung allerdings, dass das düstere Szenario auch dem Taktieren in Hinblick auf Staatshilfen dienlich sein kann.

Autor

Moritz liebt nicht nur Reisen, sondern auch Luxushotels in aller Welt. Auf der Suche nach neuen Erlebnissen hat Moritz schon dutzende Airlines getestet und mehr als 100 Städte erkundet. Auf reisetopia lässt er Euch an seinen Erlebnissen & Tipps teilhaben!

Fragen? In der reisetopia Club Lounge auf Facebook beantworten wir Eure Fragen.